Beim Anblick der unzähligen, bizarr wirkenden Felsformationen Kappadokiens stellen Besucher vorschnell die These auf, eine Steinhauer-Ausbildungsklasse könnte sich mit Hammer und Steinmeißel daran versucht haben, die Felsen neu zu formen. Diese These ist nur zum Teil richtig. Die Ergebnisse menschlichen Schaffens finden sich zumeist nur im Inneren dieser unwirklich erscheinenden, zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Landschaft wieder. Dort schufen Menschen im Laufe einer über 1000 Jahre währenden Geschichte ganze Städte im Untergrund. Die wahre Bauherrin dieser faszinierenden Skulpturenlandschaft aus Felspyramiden, Tufftürmen, Kegeln oder phallusartigen und pilzförmigen Säulen mitten in Zentralanatolien in der Türkei ist aber Mutter Natur, und die ließ sich mit Millionen von Jahren erheblich mehr Zeit mit ihrem Kunstwerk.
Kappadokien, das in der heutigen Türkei die Provinzen Nevsehir, Nigde, Aksaray, Kirsehir und Kayseri umfasst, ist vulkanischen Ursprungs. Über einen langen Zeitraum überzogen die mittlerweile erloschenen Vulkane Erciyes und Hasan das Gebiet mit Tuffasche und Lava. Aus diesem vulkanischen Auswurf bildeten sich im Laufe der Jahrhunderte auf einer Fläche von 95 Quadratkilometern Gesteinsschichten unterschiedlicher Härtegrade. Wind, Regen und entstehende Flussläufe sorgten für eine Abtragung des weicheren Gesteins, während das härtere den Gewalten der Natur trotze. Infolgedessen kam es zur Entstehung dieser einzigartigen Landschaft, die immer mehr zur touristischen Attraktion des Landes avanciert.
Erkunden können Sie das „Land der Pferde“, wie die persische Bezeichnung Kappadokiens lautet, bequem mit dem Auto oder auf einer organisierten Tour mit dem Reisebus. Besonders empfehlenswert ist aber die Besichtigung dieser bizarren Welt zu Fuß. Erst dabei werden Sie am Gesteinsstaub an ihren Schuhsohlen merken, dass der Wandlungsprozess Kappadokiens längst noch nicht abgeschlossen ist.
Wer glaubt, in einer derartigen Felslandschaft sei es unmöglich, behagliche Wohnungen zu schaffen, irrt gewaltig. Die weichen Steine der Felsen sind derart weich, dass sie sich mit einfachen Werkzeugen bearbeiten lassen. Die Bewohner Kappadokiens nutzen dies ausgiebig. Schon in der Jungsteinzeit war Kappadokien reich besiedelt. Anfänglich wurden nur Höhlen, später ganze Städte erschaffen, wie Derinkuyu und Kaymakli, die sich unterirdisch über mehrere Stockwerke erstrecken. Die perfekten Isolationseigenschaften des Gesteins sorgten für ein angenehmes Wohnklima, so dass die Temperaturen selbst im harten Winter des anatolischen Hochlandes um die 12°-15° Celsius betragen.
Kappadokien ist aber vor allem berühmt durch seine unzähligen, in Stein gehauenen Kirchen. Kunstvoll bemalte, mehrere Meter hohe, zum Teil mit byzantinischen Fresken verzierte Gewölbe mit herrlich geschwungenen Bögen können Sie im Inneren der Felsen bestaunen. Die „Dunkle Kirche“ bei Göreme gilt als besonders sehenswert. Aber auch in der Ihlara-Schlucht werden Sie ebenso beeindruckende Kirchenbauten vorfinden.
Ein Besuch dieser fast unwirklich erscheinenden Region ist eigentlich Pflicht bei einem Türkeiurlaub und stellt einen wohltuenden Kontrast zu einem Badeurlaub in den Küstenregionen dar. Insbesondere bei einer Ballonfahrt über Kappadokien werden Sie sich der wahren Schönheit dieser Landschaft bewusst werden.